„Wenn ein Mensch stirbt, stirbt die Bibliothek seines Wissens“ (John Wyttmark)

„Die Reise der Marta Gundlach: Was bleibt von so einem Leben, wenn es im Ohrensessel vor dem Fernseher zu Ende geht?“ (Ralf Julke, 1. August 2022, LIZ).
Diese Überschrift drückt in einem Satz die ganze Tragik eines menschlichen Lebens aus. Hier, das der Marta Gundlach. Eine Frau, die für uns alle stehen kann, besonders aber für die Generation der Kriegskinder. Der gesamte Artikel ist unbedingt lesenswert. (Link, siehe unten).

1940 – Inmitten der Wirren des Krieges kommt die kleine Marta in einem Dorf in Niederschlesien zur Welt. Die Eltern sterben früh, sie und ihre beiden Schwestern werden aus der Heimat vertrieben. Sie reihen sich in den Strom der Vertriebenen ein, schleppen sich in eine ungewisse Zukunft. Die Warnungen des Vaters vor den russischen Siegern sollten sich auf grausame Weise bewahrheiten… Roman nach wahren Begebenheiten.
Rückblende: Der Fernseher lief, ein „Tatort“, von welchem Sender auch immer. Im Haus waren die Dialoge des Films zu hören. Marta saß in ihrem Fernsehsessel, den hatte sie sich noch vor drei Jahren von einem Außendienstvertreter an der Haustür aufschwatzen lassen. Aber er war bequem. Ein Ohrensessel, mit hoher Lehne, das war gut, weil der Rücken immer so wehtat, und man die Füße hochlegen konnte. Da ging der Druck aus den Venen und Marta konnte entspannen. Das Muster des Sessels war rot mit gelben Blumen. Sie hatte Schoner auf die Lehnen drapiert und sich noch ein bequemes Kissen bereitgelegt. Sie bereitete sich wie jeden Abend auf das Fernsehen vor, fast wie ein Ritual. Heute Abend sollte „Wetten, dass…?“ mit Gottschalk kommen. Den schaute sie gern, auch wenn er manchmal viel herumlaberte. Neben dem Sessel stand ein kleines Tischchen, auf das sie die abendliche Flasche Bier stellte. Ihre Welt wurde enger und kleiner. Die Beine hatten zu tun sie zu tragen. Später dann schlief Marta ein und starb, allein und ruhig. Das Herz setzte aus und der Tod kam ins Haus. Sie machte unter sich, aber das war egal. Der Fernseher lief, ein „Tatort“, auf welchem Sender auch immer. Im Haus waren die Dialoge des Films zu hören. Das halbvolle Bier wurde langsam schal.

„Wenn ein Mensch stirbt, stirbt die Bibliothek seines Wissens“, schreibt Wyttmark im Epilog. Wie wahr ist doch dieser Spruch. Wir verlieren einen wahren Kulturschatz für die gesamte Gesellschaft. Wyttmark zieht einen weiten historischen Bogen von den schlimmen Kriegszeiten, über das Leben in der DDR, bis hin ins wiedervereinigte Deutschland. Die Geschichte der Marta Gundlach verbindet sich mit diesen Erzählsträngen, integriert sie in die ihrige und lässt am Ende des Lebens diese tapfere Frau einsam und allein sterben. Wir bleiben zurück, mit der Frage, was werden wir am Ende unseres Daseins erreicht haben, was wird von uns bleiben? Dieses Buch bewegt und macht nachdenklich.
„Ein berührendes Buch mit einem Schuss Humor. Mag sein, dass die junge Generation mit der Lebensgeschichte einer alten Frau nichts anzufangen weiß. Aber dann drängt sich mir sofort die Frage auf: warum nicht? Vor allem wenn sie so erzählt wird, wie die Geschichte der Marta Gundlach. Ich habe das Buch gelesen als würde ich einen Schwarzweiß-Film aus der Nachkriegszeit gucken. Nicht hektische Schnitte und knallbunte Bilder hatte ich vor Augen, das war nicht nötig. Die Lebensgeschichte dieser Frau ist so plastisch und mitreißend erzählt, dass die Bilder wie von selbst im Kopf entstehen.“ (Rezension auf Amazon).
Wyttmark hat es wieder einmal geschafft, seinen Schreibstil der Hauptfigur anzupassen. Einen Adorno habe ich deshalb nicht erwartet. Will ich aber auch für diese Geschichte nicht.
Der Beitrag in der LIZ ist unbedingt empfehlenswert:  https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2022/08/die-reise-der-marta-gundlach-was-bleibt-von-so-einem-leben-wenn-es-im-ohrensessel-vor-dem-fernseher-zu-ende-geht-463576

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