Es war einmal Deutschland – Gelobtes Land

Rezension

„Es ist das Jahr 1965. Ich bin gerade 18 Jahre alt und einer von ihnen, den Gastarbeitern. Es sind nahezu Millionen von Menschen, die ihre Familien verlassen, um nach Deutschland zu gehen. Mein Ziel war es, der Enge der Familie zu entkommen, der Strenge der Eltern, der Sturheit der italienischen Mentalität zu entfliehen. Ich wollte frei sein. Andere Kulturen entdecken, ihre Denkweisen kennenlernen. Dafür war ich bereit einen hohen Preis zu zahlen…

Mit „Es war einmal Deutschland“ erleben wir einen Perspektivwechsel. Für Nello Simeone und seine Landsleute waren wir das gelobte Land. Konnten wir diese Erwartungen und Visionen dieser Menschen erfüllen? Ihre Sehnsüchte, ihre Träume – fanden sie in Deutschland und dem Leben dort ihre Erfüllung?

Wie sind wir Deutschen diesen Menschen begegnet? Haben wir sie würdevoll behandelt oder als Menschen zweiter Klasse gesehen?

Nellos Erzählung gibt uns einen interessanten Perspektivwechsel. Sein Erleben, sein Bild. „Es gibt zwei Welten: Die eine Welt ist unser Herz, darin sind die Gefühle eingeschlossen. Man trifft jemanden wie dich und es gerät alles durcheinander. Die Gefühle wollen raus, alles ist in Bewegung. Aber die andere Welt ist das hier, diese Straße, die Bar, die Soldaten, die zu uns kommen, um sich zu amüsieren.“ Nello trifft eine Entscheidung, die sein Leben auf immer verändert.
Dieses Buch ist auch eine einzigartige Zeitzeugenbeschreibung der 60er-Jahre in DE. Es gefällt, dass Nello keinen monotonen Monolog führt, sondern mit Dialogen seine Geschichte erhellt und erfrischt.
„Nein, ich will mein Leben selbst gestalten und auch über mich selber bestimmen, und du weißt, dass ich kein fauler Hund bin, ich will arbeiten und mein Geld verdienen. In Italien haben wir so gut wie keine Chance, wo finden wir eine Fabrik wie hier? Wir gehen jeden Morgen pünktlich zu unserer Arbeit, wir machen pünktlich Feierabend, wir bekommen pünktlich unser Geld und wir arbeiten auch für unsere Rente. Natürlich liebe ich mein Land und mein Zuhause, aber ich habe eine Würde und die werden es nicht schaffen, mich zu versklaven. Die nicht, und ich werde mein ganzes Leben dafür kämpfen, dass das nicht passiert. Deswegen bin ich hier, im Herz werde ich immer Italiener bleiben.“
Sehr bedrückend, von dieser Einsamkeit, von dieser Sehnsucht nach der Heimat zu lesen. Ein bewegender, autobiographischer Roman.

Nello Simeone: Jahrgang 1946. 75 Jahre alt, seit 53 Jahre verheiratet mit einer echten Düsseldorferin. Zwei erwachsene Töchter, vier Enkelkinder, die Jüngste ist 22, der älteste 26, „alle gesund und gute Menschen“, wie er selbst schreibt. Er selbst stammt aus einer kleinen Fischerstadt aus dem Latium, Namens Formia, 20 Kilometer von Cassino, Monte Cassino, einem der bekanntesten Orte überhaupt. Semiones Jugend war hart und von Armut geprägt. Im Alter von 9 Jahre müsste er in den Schulferien arbeiten um seine Schulbücher kaufen zu können. Er schaffte aus eigener Kraft den höheren Schulabschluss in Pisa. Für ihn die schönste Zeit in Italien. Danach wagte er es, alle Brücken abzubauen und sich nach Deutschland aufzumachen, wo seine bewegende Geschichte beginnt.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: