Mord im Paradies!

EXKLUSIV: Interview mit Oberschwabens Star-Ermittler Steven Plodowski
von Michaela Gnies*

Wann immer Kriminalhauptkommissar Steven Plodowski seinen alten Volvo durch die engen Straßen Oberschwabens lenkt, dann hat das Verbrechen wieder zugeschlagen. Mord im Paradies, das ist selten, aber immer spektakulär! Nur wenige Kriminalfälle haben in den vergangenen Jahren die Öffentlichkeit so in ihren Bann gezogen, wie die spektakulären Ermittlungen rund um die „WorldSkills-Verbrechen“ in Tettnang und in der Welt oder jener berühmte Kriminalfall, der unter der Bezeichnung „Rache der Schwabenkinder“ über die Grenzen hinaus große Berühmtheit erlangte. Grund genug, einmal diesen Ermittler jener Fälle persönlich kennen zu lernen, dessen unkonventionelle Art und sechster Sinn beinahe legendär sind. Wer ist dieser Mann und was treibt ihn an?

Ich treffe Steven Plodowski Ende Mai in seinem Kommissariat in Ravensburg. Das nüchterne Gebäude mit seinen nackten Fenstern ohne Stuck und den drei Stockwerken, auf denen ein zu klein geratenes Dach aufgesetzt wurde, versprüht den Charme einer Zeit, die weit in den Tiefen der Vergangenheit versunken ist. Vor allem aber wirkt es auf den ersten Blick etwas klein auf mich. Wird hier wirklich für ganz Oberschwaben Unrecht geahndet und für Recht und Ordnung gesorgt?

Mutig trete ich ein und antworte freundlich auf die höflichen Grüße der Beamten in den Gängen. Die Bewegungen ihrer Lippen und ihre Mimik kann ich leider wegen des Mundschutzes nicht erkennen. Man führt mich in den zweiten Stock des Gebäudes. Überall springen Handwerker umher. Laut tönt ein Presslufthammer durch die Gänge. „Ja, unser Haus wird seit Monaten rundum erneuert,“ erklärt mir der Pressesprecher des Hauses: „Im Moment sind sie gerade an der Heizung dran.“ Mit einem kurzen Klopfen öffnet er eine Tür und bittet mich, ihm zu folgen. Meine Aufregung steigert sich sprunghaft. Sollte ich jetzt endlich die berühmte Ermittlergruppe kennen lernen dürfen, die selbst bis aus Kolumbien Dankesschreiben erhalten hatte? Und tatsächlich. Da sitzen sie. Man muss mir die Kriminalbeamten nicht mehr vorstellen. Jene Kerstin Steiner und Kollege Valmir – jetzt habe ich doch tatsächlich seinen Namen vergessen. Sie grüßen mich freundlich, mustern mich kurz und zeigen auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich,“ fordern sie mich auf. Gerne komme ich der Aufforderung nach, froh, wieder etwas ruhiger werden zu können. Ich blicke mich im Raum um. Natürlich hatte ich mich vorher informiert und in unserem Pressearchiv auch Fotos gefunden, die ein Kollege vor einiger Zeit gemacht hatte. Vieles davon erkenne ich aber nicht wieder. Ein Wanddurchbruch zum Nachbarbüro war bereits vollständig verputzt und alles neu gestrichen. Das Team kann so gut zusammensitzen und jeder hat dennoch genügend Platz für sich. Höhenverstellbare Tische stehen an jedem Arbeitsplatz. Alle Achtung. „Ja, so ist das, wenn man das Glück hat, erfolgreich zu sein, dann bekommt man auch mal neue Arbeitsplätze. Besonders, wenn Ravensburg seit Jahresbeginn ein eigenständiges Präsidium besitzt.“ Die warme, tiefe Stimme, die das sagt, kommt von schräg hinter mir und zieht mich sofort in ihren Bann. Ich erhebe mich schnell und blicke in seine tiefgründigen, mandelfarbenen Augen. „Hallo,“ stottere ich schnell und will ihm meine Hand entgegen strecken. Geht ja nicht! Corona! „Ich bin…“ – „Michaela Gnies, herzlich willkommen,“ nimmt er mir meine Vorstellung ab und lächelt mich an. „Kommen Sie, suchen wir uns einen etwas ruhigeren Ort. Und außerdem müssen die Kollegen ja nicht wissen, was ich über sie zu erzählen habe…“ er grinst und gießt Kaffee in zwei Tassen, zeigt auf Milch und Zucker und eilt schon zur Tür hinaus. „Ich dich auch liebster Chef – Steven,“ hören wir gerade noch Valmir hinterher rufen. Über einen kleinen Steg hangeln wir uns auf die Dachterrasse über einer Garage und ergreifen zwei alte Holzstühle. „Ah, die Sonne tut gut,“ seufzt Steven Plodowski zufrieden und schließt kurz die Augen. Unseren Mundschutz haben wir abgezogen. „Was kann ich für Sie tun?“, fragt er mich aus sicherem Abstand.

Ermitteln in Zeiten von Corona

Ich schlürfe vorsichtig an meinem Kaffee und blicke zu ihm rüber. „Wie ist das Ermitteln in Zeiten von Corona? Anstrengend? Geht das überhaupt?“ Ich wundere mich selbst über die dumme Eingangsfrage. Doch er sieht es mir nach und nickt ernsthaft: „Eine gute Frage. Ja, es schränkt schon kräftig ein. Immer diese Maske und die Sicherheitsvorkehrungen. Doch Verbrechen machen auch nicht vor Zeiten wie diesen Halt. Es geht immer hoch her. Da müssen wir durch.“ Ich nehme mein Handy heraus und drücke auf den Aufnahmeknopf. Parallel nehme ich Stift und Block in die Hand. Alte Gewohnheit: „So wie dem gerade abgeschlossenen Kies-Skandal im Altdorfer Wald?“ Erstaunt blickt er mich an: „Was wissen Sie davon? Das ist doch noch geheim. Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen!“ Intensiv blickt er mich an, durchbohrt mich. Ich fühle mich in Gedanken nackt. „Ähm,“ stottere ich: „Ehrlich gesagt weiß ich nichts. Gar nichts. Nur das, was man Anfangs in unserer Zeitung dazu geschrieben hat.“ Ich wische mir den Schweiß aus der Stirn. Innerlich schimpfe ich mich. Am liebsten würde ich mich selbst übers Knie legen. Ich mache gerade alles falsch, was man falsch machen kann. Doch wieder kommt mir der Kommissar entgegen: „Alles gut. Ich bin nur gerade etwas erstaunt.“

Der Tod kam in der Nachtschicht

Dankbar setze ich mich aufrecht hin und lächle ihm zu: „Steven Plodowski. Ich habe sie durch die WorldSkills-Verbrechen kennen gelernt. War dies ihr spektakulärster Fall?“ Er nickt und blickt in die Ferne. Heimlich studiere ich ihn. Ich schätze 44 Jahre. Sohn eines Polen und einer Deutschen, wie ich nachlesen konnte. Deshalb der ungewöhnliche Name. Der Vater war Maschinenschlosser. Ausgebildet in Polen. Plodowski hat extrem kurz rasierte Kopfhaare. Mandelfarbene Augen. Sportlich, circa 1,80 m groß. Immer schick und modern gekleidet registriere ich. Er liebt Jackett und weißes Hemd. „Ein schwäbischer Bruce Willis – mit nem kleinen, mickrigen Bäuchlein,“ schießt es mir unvermittelt durch den Kopf und ich werde knallrot im Gesicht. „Oh ja, das war er. Dieser WorldSkills-Fall. Haben Sie vorher gewusst, dass es solche Weltmeisterschaften der Berufe überhaupt gibt? Ich nicht. So eine schöne Organisation, tolle Veranstaltung und diese beeindruckenden jungen Menschen.“ Er nimmt einen Schluck Kaffee um rasch weiter zu sprechen: „Unglaublich, dass sie beinahe zwischen die Fronten geraten sind. Rivalisierende Gruppen und internationale Industriespionage mit skrupellosen Drahtziehern! Das war keine gute Kombination. Doch wir haben sie zur Strecke gebracht!“ Ich schüttle den Kopf. Nein, diese Organisation und diese Art von Weltmeisterschaften kenne ich erst seit dieser Zeit. Aber, ich weiß um die Details, weil ich die Berichte gelesen habe: „Ihre jetzige Frau haben sie in Kolumbien kennen gelernt. Wie kommen ein oberschwäbischer Kommissar und eine Kolumbianerin miteinander zurecht? Sind Sie eigentlich inzwischen verheiratet?“ Ich bin frech, will es aber wissen. Plodowski legt den Kopf schräg und fährt sich mit der Hand über die kurzgeschorenen Haare: „Hmmm, haben Sie mit meiner Lebensgefährtin gesprochen?“ Er zwinkert mir zu: „Nein, noch haben wir nicht geheiratet. Aber, vielleicht bald. Ansonsten klappt es ganz gut. Sie lebt bei Bonn und ich hier in Ravensburg. Wir pendeln. Aber, vielleicht findet sich ja bald eine gute Lösung.“

„Was bedeutet für Sie Ravensburg und Oberschwaben? Der Bodensee ist Ihr persönliches Refugium oder?“ Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mensch wirklich seine Heimat verlassen kann. „Oberschwaben und der Bodensee sind für mich zentraler Bestandteil in meinem Leben. Hier ist meine Heimat. Mehr als das! Ich fühle mich den Menschen und der Region stark verbunden. Ich liebe die direkte und ehrliche Mentalität dieser Menschen. Die Offenheit, mit der sie dir Begegnen. Das ist einzigartig. Und dann die Landschaft. Sie ist so besonders und vielfältig wie das Leben. Nein. Ich will hier nicht mehr weg.“

„Sie haben ja polnische Wurzeln. Ist davon noch was bei Ihnen vorhanden?“

Er scheint tief in sich hinein zu horchen. Und nickt schließlich: „Ich denke schon. Auch wenn es mir vielleicht nicht so bewusst sein mag, so habe ich mit Sicherheit von den Eltern und Großeltern was mit bekommen. Aber, da müssen Sie meine Mitmenschen fragen. Spätzle und ein gutes Bier sind mir auf jeden Fall wichtiger als andere Gerichte. Aber, es steckt jenes berühmte gutmütige polnische Gemüt in mir. Hoffe ich zumindest.“ Er lacht.

„Wie sehen Sie die Menschen Oberschwabens? Fühlen Sie sich aufgenommen?“

Ohne eine Sekunde zu zögern, nickt Steven Plodowski: „Oh ja. Unbedingt. Ich habe noch nie Schwierigkeiten hierbei gehabt. Hier schaut man erst den Menschen an und dann seine Herkunft. So zumindest kenne ich das. Da sind die Rivalitäten zwischen den Dorfgemeinschaften schon eher ein Thema. Man liebt die Rivalität von einem Dorf zum anderen.“ Steven lacht.
Ich kann da nur zustimmen. Ein Dorf kabbelt mit dem anderen. Das gehört auch zu Oberschwaben.
Ich konzentriere mich wieder auf mein Interview:

„Ihre Arbeit ist doch recht gefährlich. Wenn man bedenkt, dass Sie im spektakulären Schwabenkinder-Fall beinahe ums Leben kamen, dann hinterlässt das doch Spuren oder?“

Plötzlich wird er ernst. Blickt vor sich hin, studiert die Spitzen seiner Schuhe: „Ja, das tut es. Schauen Sie: wir geraten oft in brenzlige Situationen. Es wird auch mal auf einen geschossen. Das kann passieren. Aber, tagelang in dieser dunklen Höhle gefangen zu sein. Kurz vor dem Verhungern und dann dieser Ungewissheit ausgeliefert. Ich habe Angst gehabt, den Verstand zu verlieren. Nein. Das war nicht schön.“ Ich versuche, mich zu erinnern. Es waren mehr als eine Woche oder noch länger? „Ich habe noch heute Alpträume dazu. Das wird so schnell nicht verschwinden.“
Man merkt, wie sehr ihn das belastet. Ich versuche von „Der Rache der Schwabenkider“abzulenken:

„Die Leute sagen, Sie haben ein unglaubliches Gespür für Ihre Fälle. Kritiker meinen, würde man einen Krimi dazu schreiben, dann könnte Manches konstruiert wirken, wie Sie plötzlich den Tätern auf die Spur kommen. Wie kommt das?“

Plodowski lacht: „Einen Krimi schreiben? Na, das wär ja mal was. Aber im Ernst, ich weiß es nicht. Ich fühle mich einfach in das Thema intensiv ein. Versuche, mich in die Täter und ihre Motive hinein zu versetzen. Ich will wissen, warum sie das tun und frage mich, was ich als Nächstes anstellen würde, um mein Ziel zu erreichen – als Täter. Also ein echter schwäbischer Profiler.“ Er schmunzelt. „Und wenn ich ehrlich bin, dann ist das, was andere als ´Plodowskis Genialität´ bezeichnen, nichts anderes, als wie ein Trüffelschwein nach dem Faktor ´Glück´ zu suchen, um es dann zu nutzen. Das kann ein minimalster kleiner Fehler der Täter sein. Eine Nachlässigkeit. Beispielsweise ein vergessener gelber Notizzettel im verlassenen Tatfahrzeug. Schon ein wichtiges Wort darauf kann den entscheidenden Hinweis geben. So lösen wir Fälle.“ Er strahlt mich wie ein kleiner Junge an, der von seinen Abenteuern erzählt.

Schwabengold

„Steven, kannst du bitte kommen? Wir brauchen dich.“ Kerstin steht in der Tür und winkt ihn zu sich. „Es gibt Neuigkeiten im Fall ´Schwabengold´. Wir müssen los.“ Schnell springt er auf, winkt mir freundlich zu und sagt: „Es tut mir leid, ich muss gehen. Aber, es hat Spaß gemacht. Kommen Sie gerne wieder.“ Ich blicke ihm traurig nach. So viele Fragen habe ich noch. Zum Beispiel, warum er so eine Vorliebe für eigenwillige Haustiere hat, wie beispielsweise seinen Leguan, Herrn Max. Doch die Arbeit geht vor. „Und bitte niemandem etwas zu dem Fall mit dem Kiesbaron schreiben. Davon werden Sie noch früh genug erfahren. Ich verspreche Ihnen, dass Sie die Erste sind, der ich es erzähle.“ – „Versprochen?“ Aufgeregt springe ich vom Stuhl hoch. „Versprochen!“ Und schon ist er im Haus verschwunden.

Das ist ja eine besondere Ehre.
Glücklich gehe ich in die Redaktion, um schnell das Interview für die kommende Ausgabe fertig zu machen.
„Steven Plodowski – der schwäbische Bruce Willis“ – na, ich glaube, die Überschrift ist zu dick aufgetragen. Oder? Aber warum nicht? Ein sympathischer Mensch!

[*Sowohl das Interview, als auch die Interviewerin sind erfunden. Der Inhalt lebt ganz im literarischen Stil der Plodowski-Romane und gibt interessante Hintergrundinformationen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Institutionen sind reiner Zufall.]

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