Die Banalität des Bösen! Im Gespräch mit dem Autor John Wyttmark zu seinem Werk, Lokführer der Todeszüge – Holocaust-Roman nach wahren Begebenheiten.

Ende Juli 2019 erschien unter dem Namen John Wyttmark das erste Werk, welches im Ganzen das Zweite des Autors ist.  Ein Buch, welches sich eines unbequemen und bedrückenden Thema widmet: den Verbrechen der Nationalsozialisten, inmitten unserer Gesellschaft. Tief verwoben mit dem Leben der Menschen in diesem Land. Dabei ist es besonders die Perspektive der Erzählung, die den Leser in ihren Bann zieht. Das Buch ist sehr einfühlsam aufbereitet. Man gleitet regelrecht mit den Romanfiguren in die negativen Entwicklungen jener Zeit hinein. Das Buch scheint aufwändig und intensiv recherchiert zu sein. Die Geschichte aus der Sicht von Klaus, der Hauptfigur ist spannend und lebendig erzählt. Man verzeiht leichte Lektoratsschwächen. Im Gegenteil, sie geben dem Buch eine beinahe unerträgliche Authentizität.

Den Roman macht so beklemmend, dass die Geschichte des kleinen Mannes, der kleinen Frau erzählt wird. Wie sie ihren Beitrag im System leisteten und dadurch ein großes Ganzes, ein Monstersystem unterstützten. Die Banalität des Bösen! Das ist wirklich sehr gut erarbeitet! Das Leben der normalen Menschen, wie Du und ich, vermischt sich im Roman geschickt, mit jenem der Massenmörder. Die Wege kreuzen sich und man fragt sich, was haben die Menschen damals wirklich gewusst und was nicht.

Ich habe mich mit John Wyttmark unterhalten, da mich die Neugierde zu den Hintergründen packte:

Paul: Vorneweg, mit welchem Namen darf ich Dich ansprechen? Mit John oder Jens?

John: John, wäre nicht schlecht, es fängt an sich zu etablieren, das kennst du ja Paul.

Paul: Dein Buch hat mich sehr beeindruckt! Du hast es wirklich geschafft, die Figuren zum Leben zu bringen und die Leser durch sie die schreckliche Zeit hautnah erleben zu lassen. Glückwunsch und Gratulation hierzu! Wieviel Authentizität und wieviel Fiktion steckt im Roman?

John: Authentisch sind alle Dinge in Ausschwitz, die Absprachen zwischen der Deutschen Reichsbahn und der SS, Eichmann, Ganzenmüller. Die Situation und Handlungen in Auschwitz, Klaus, Günter und Magdalene sind Fiktion.

Paul: Könnten sich aber sicherlich so ereignet haben. Hast du das alles selbst recherchiert? Da steckt doch sehr viel Arbeit dahinter oder?
Sind die Szenen historisch belastbar?

John: Die Recherche erfolgte durch mich selbst und ja es dauerte. Das Buch brauchte drei Jahre, hierin enthalten sind auch das studieren aller Zeugenaussagen des Auschwitzprozesses 1963 in Frankfurt/Main. Hinzu kamen Recherchen im Archiv der Freien Universität Berlin

Paul: Die Szenen nehmen einen beim Lesen emotional sehr mit. Hat es Dich beim Schreiben nicht manches Mal gefühlsmäßig beinahe zerrissen? Man meint, an der einen oder anderen Stelle Deine Wut auf die Massenmörder zu spüren.

John: Das stimmt. Am Schlimmsten war für mich, dass beim Lesen und Hören der Aussagen der Angeklagten, keiner mehr etwas wissen wollte und dass Empathie und Mitleid mit den Opfern eher hinderlich war. Hinzu kam, dass nur wenige wirklich zur Rechenschaft gezogen wurden.

Paul: Warum glaubst Du, können Menschen so urplötzlich die Bestie in sich wecken, um danach wieder zum Biedermann zu werden? Warum glaubst Du, können Menschen so abstumpfen und Dienst nach Vorschrift machen?

John: Hmm. Ich glaube jeder kann so werden. Vergessen wir nicht die Propaganda dieser Zeit (übrigens auch im Hinblick auf die Euthanasie). Die Bevölkerung wurde über die Staatsdoktrin darauf vorbereitet, sie stumpfte ab. Diejenigen die dann vielleicht zur SS nach Auschwitz, Sobibor oder Treblinka kamen, waren möglicherweise am Anfang noch erschüttert, aber nach 3 Monaten war es eher „Arbeit“. Hinzu kam, sich nicht vor den anderen SS-Leuten blamieren zu wollen und die Belohnung bei hartem Durchgreifen. Obwohl, bei Treblinka und Sobibor waren es die Euthanasieleute aus Hartheim und Bernburg unter Christian Wirth, die kannten das schon. Tja und nach getaner Arbeit ging Höß nach Hause und spielte mit seinen Kindern. Mein Ziel war der Versuch, zu zeigen, dass auch die Mörder „normale“ Leute waren, die Freundschaften oder Liebschaften unterhielten und auch gemeinsam feierten. Deshalb von Hannah Arendt die „Banalität des Bösen“

Paul: „Normal“ meinst Du sicherlich im zynischen Sinne. Was war Deine Intention mit dem Roman? Haben die Geschehnisse einen Bezug zu Dir und Deiner eigenen Geschichte?

John: Ich war vor drei Jahren mit meinen Söhnen in Krakau und Auschwitz. Da entdeckte ich neben einer Vitrine mit Zyklon B-Büchsen einen Fahrauftrag des Kommandanten Höß zur „Abholung von 5 t Zyklon zur Judenumsiedlung“ aus Dessau. Ich bin in Dessau geboren und habe dort meine Jugend verbracht. Nach Recherchen stellte ich fest, dass aus Dessau das weitaus meiste Zyklon B für Auschwitz kam. In der ehemaligen DDR war es üblich in der Schulausbildung in der Produktion Praktika zu machen. Ich tat dies im damaligen VEB Gärungschemie, der Nachfolger einer Zuckerfabrik. Das Zyklon B wurde in nur einhundert Meter Entfernung von meiner damaligen Arbeitsstelle hergestellt.

Es gibt/gab schon viele Bücher über den Holocaust. Im Auschwitz-Prozess las ich die Zeugenaussage von Willi Hilse. Er war in der Güterabfertigung von Auschwitz tätig. Meine Frage lautete wie ging es den Lokführern. Sie mussten doch gewusst haben wie es denen hinten im Wagon bei 5 Tagen Fahrt, ohne Wasser und Essen ging. Egal, ob Hitze oder Kälte.

Paul: Danke Dir für die Erläuterungen. Schon lange hat mich kein Buch mehr so nachdenklich zurückgelassen. Es wäre zu wünschen, dass mehr Autoren diesen Mut haben, solche Themen anzufassen. Unsere Gesellschaft braucht diese Denkanstöße!

Verlag: Verlag DeBehr (31. Juli 2019), ISBN-10: 3957536383

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