Rendezvous mit dem wahren Leben

Ein Tag mit dem wahren Ich des Paul Steinbeck

So sieht also mein Rendezvous mit dem Buchautor Paul Steinbeck aus: Ein Wartebereich vor dem Gate 164 des Flughafens Stuttgart. Besser gesagt, mein Rendezvous mit der Wirklichkeit seines realen Ichs. Dieses kommt mit zwei duftenden Bechern Kaffee von der Getränkebar zurück und setzt sich.

Gerade eben gibt die zuständige Dame eine Stunde Flugverspätung durch. „Das ist normal“, sagt mein Gegenüber: „Wir haben regelmäßig diese Verspätungen. Über die Bahn schimpfen sie alle, doch bei den Fliegern nimmt man es gelassen hin.“ Sagt es und streckt gemütlich die Füße von sich. Um Sechs in der Früh musste ich schon am Flughafen sein, um mein Date mit dem realen Ich des Schreibers Paul Steinbeck zu beginnen. Einen Tag werde ich ihn begleiten dürfen. Nach Berlin. Er blickt mich mit seinen tiefblauen Augen an: „Müde?“ Er lächelt und erwartet keine Antwort. Man sieht es mir wohl an. Nun ja, mitten in der Nacht aufzustehen, ist nicht so mein Ding. „Wie schaffen Sie das denn?“, will ich schließlich von ihm wissen: „Wie kann man Tag und Nacht arbeiten, kurz vor knapp am Flughafen ankommen und dennoch so erholt und entspannt aussehen?“

Mein prüfender Blick gleitet von den grauen Haaren des Herrn Anfang Fünfzig ungeniert runter über das entspannte Gesicht zum fitten Körper, den ein blauer Business-Anzug kleidet. Er nimmt einen Schluck und setzt sich wieder aufrecht hin. Telefone klingeln um uns herum im Sekundentakt. Geschäftige Business-Menschen führen laute Gespräche, damit man mithören kann, wie wichtig sie sind. Auch seines klingelt, doch Paul Steinbeck, bleiben wir bei seinem Künstlernamen, nimmt nicht ab.

„In Wirklichkeit arbeite ich nie“

„Nun, ganz einfach, weil ich nur die Dinge mache, die ich aus Leidenschaft tue. Wenn mir das nicht mehr gelingt, dann höre ich auf und mache andere Dinge. In Wirklichkeit arbeite ich nie. Ich arbeite an den Themen, die mich begeistern, neugierig machen und interessieren. Das mag der Unterschied sein.“ Spüre ich da etwas wie Neid in mir aufkommen bei seinen Worten? Schnell nehme ich einen Schluck aus meinem Becher und versuche umständlich den mitgelieferten Keks aus der Plastikfolie zu friemeln. „Ist das aber nicht alles sehr viel, was Sie da machen?“ Der Autor blickt mich eindringlich an: „Lass uns doch Du sagen. Ist einfacher. Bei meiner Organisation duzen sich alle. Das ist so im Angelsächsischen.“ Ich nicke, lasse aber nicht locker: „Also Paul, was alles machst du so im Leben. Kannst du mir das mal aufzählen?“ Ein Lächeln umgarnt seine Lippen. „Willst du die volle Wahrheit hören? Ich frage deshalb, weil mich viele für verrückt halten.“ Mein klares Nicken ist ihm Antwort genug. „Also gut: Zuallererst bin ich Geschäftsführer dieser wunderbaren Organisation namens WorldSkills Germany…“ – „… die in deinem Krimi mit Plodowski als Ermittler eine wichtige Rolle spielt“, unterbreche ich ihn. „Ja, das stimmt. Du bist gut vorbereitet! Dann bin ich ehemaliger Inhaber einer Marketing- und Kommunikationsagentur, die ich gerade verkauft habe, Moderator, Vorstand einer Bürgerenergiegenossenschaft, Kandidat einer Partei für die Europawahl, politischer Berater und auch Kandidat für den Kreisvorsitz eines Fachverbands, der mit dem Schreiben zu tun hat.“

Er macht eine kunstvolle Pause. Ich verstehe, er möchte, dass ich das Restliche sage, während wir endlich aufstehen und in Richtung Shuttle-Bus gehen, der uns zum Flieger bringen soll: „Und du bist leidenschaftlicher Schreiberling.“ Ich schüttle den Kopf: „Wie schafft man das alles? Woher nimmst du dir die Zeit zum Schreiben? Woher kommen die Inspirationen?“ Paul wendet verwundert seinen Blick in meine Richtung: „Das fragst du wirklich? Schau dir doch diese Menschen hier an. Zum Beispiel diese Familie mit den zwei Kindern. Kommen sie aus Asien? Womöglich. Was machen sie in Deutschland? Wohin fliegen sie, warum? Und schon kommen mir mit diesen Fragen ganze Bündel von Ideen und Geschichten. Ich spinne sie unentwegt weiter fort und verwebe sie zu einer Geschichte. Eine Eingebung jagt die andere und meine Ideensammlung ist voll von Erzählungen.“

Darf man einen Mann fragen, wie alt er ist?

Endlich steigen wir die Treppen zum Flieger hoch und setzen uns nebeneinander auf Höhe der Flügel des Flugzeugs. „Wie alt bist du eigentlich, Paul? Und warum heißt du eigentlich mit Künstlernamen Paul? Warum nicht dein richtiger Name?“

Darf man eigentlich einen Mann fragen, wie alt er ist? Ab welchem Alter nicht mehr? Etwas beschämt wende ich mich ab und folge artig der Aufforderung der Stewardess, meinen Sicherheitsgurt zu schließen. „Weißt du, eine gute Freundin sagte neulich: ‚Paul, wenn ich dich Freunden beschreibe, dann sage ich immer, der Mann ist zeitlos. Man kann sein Alter nicht beschreiben. Zumindest sein mentales Alter.‘ Das gefiel mir und daran halte ich mich. Ich bin zeitlos. Und den Namen gab ich mir, weil ich meinen Beruf vom Schreiben trennen muss. Die Vermischung wäre nicht gut. Stell dir vor, ich fahre ins Bundespresseamt, wie wir es heute tun, und man sagt: ‚Ach, der Schriftsteller ist da.‘ Das käme nicht gut. Paul ist übrigens mein zweiter Name und ich liebe diesen Vornamen.“

Der Flieger beschleunigt kräftig auf der Betonrollbahn. Wir heben heute in Richtung Osten ab. Schräg rechts unten ist Kirchheim/Teck zu entdecken. „Mein Wohnort“, informiert Paul: „Hier habe ich meine Kofferwechselstation und die geliebte Wohnung. Wir sind furchtbar gerne in dieser schönen Stadt. Sie ist so entspannend und erfrischend.“

Das Laptop liegt schon aufgeschlagen auf seinem Schoß. „Ich muss noch ein paar Notizen machen und Mails beantworten. Ok für dich?“ Ich nicke selbstverständlich, bin aber etwas enttäuscht, da ich doch so viele Fragen an diesen Autor habe, der seinen Weg einfach für sich geht. Seiner Lust folgt und nicht den Verlagen. Der selbst die Kosten für intensives Lektorat und Buchlayout, wie auch die Vermarktung übernimmt.

„Kommen Sie einen Tag mit“

„Wissen Sie, ich bin ein Autor, der das Schreiben liebt, auch wenn er nicht die Massen der Bücher verkauft. Der sich über jeden Leserbrief freut und sich auch mit den Lesern auseinandersetzt. Es ist für mich einfach ein Geschenk, dieses Schreiben.“ Das sagte er mir kürzlich am Telefon, als ich erste Gespräche mit ihm aufnahm. Als ich dann nach einigen Recherchen entdeckte, wer als reale Person hinter Paul Steinbeck steckte, war natürlich der Wunsch noch größer, über diesen Menschen eine Reportage zu schreiben. Doch wochenlang versuchte ich vergeblich, einen Termin mit ihm zu bekommen. Immer erreichte ich ihn telefonisch im Zug, im Auto oder auf dem Flughafen. Grundsätzlich aber immer weit weg von meiner Zugriffsmöglichkeit. „Na, dann kommen Sie doch einfach mal einen Tag mit. Begleiten Sie mich und sind Sie mein Gast. Dann können wir uns unterhalten.“ Zuerst fand ich seine Idee einen Gag. Kapierte dann aber schnell, dass ihm solche unkonventionellen Ideen gefielen und er ständig mit seinem Umfeld so verrückte Dinge machte.

„Ich hatte einfach Lust dazu“

„Was war dein verrücktestes Geschäftsmeeting?“, will ich von ihm wissen, ängstlich, ihn mit meinen Fragen zu nerven. Doch Paul ist geduldig: „Da kann ich dir unzählige verrückte Sachen aufzählen. Beispielsweise die Sitzung mit Anzug und Krawatte auf einem 3.000er-Berg in der Schweiz und anschließend rasten wir alle mit Schlitten in das Tal. Oder die Vertragsverhandlung auf einem Tretboot inmitten eines kleinen Sees bei Stuttgart. Ungewöhnlich auch die Jahresbesprechung mit meinem Drehbuchautor bei einer anstrengenden Bergtour in den bayerischen Bergen. Der Segeltörn mit einer Jolle im Wannsee mit zwei Geschäftspartnern. Traumhaft und erfolgreich. Aber das waren immer die besten Ergebnisse. Ich könnte dir noch viele mehr erzählen. Ich liebe einfach das Ungewöhnliche und Unkonventionelle.“ Das passte zu ihm: „Und deshalb treffen wir den Herrn vom Amt nicht in seinem Hausselbst, sondern in einem schönen Café?“ Er nickt. „Ja, so ist das. Wohlfühlräume schaffen. Das ist die Devise. Das Leben ist viel zu kurz, als dass wir so rigoros zwischen Arbeit und Freizeit trennen sollten. Vermischen wir es doch an bestimmten Stellen. Lassen wir das Leben bunter und vielfältiger werden.“ Und schon taucht er wieder in seine Dokumente ein. In Windeseile rasen die Finger über die Tastaturen. Dabei blickt er ab und zu zum Fenster raus. „Blind schreiben mit zehn Fingern. Wow, wo hast du das gelernt?“ Ich bin beeindruckt. „Eigenständig als junger Student in den Semesterferien. Ich hatte einfach Lust dazu.“ Immer selbst gelernt, wie so vieles. In meinen Unterlagen fand ich heraus, dass er in Trier studiert hatte: zuerst physische Geographie auf Diplom, dann der Wechsel nach drei Semestern auf Magister-Studium, Geschichte, Geographie und später Medienkommunikation.

„Das Schreiben ist für mich wie das Trainieren eines Musikers auf seinen Instrumenten. Ich brauche das, um für die tägliche Arbeit in Übung zu sein.“ Ich gehe den Tagesplan durch, während Paul noch immer wie ein Wilder eine Mail nach der anderen abarbeitet und in die Tastaturen hackt. Nebenbei schreibt er sich immer wieder einzelne Notizen in sein kleines Buch: „Die Vorbereitung auf die nächsten Sitzungen“, erklärt er mir.

Was bringt der Tag: Bundespresseamt, Termin ZDH, Zukunftsplanung, Pressetermin, Sitzungen und zwischendrin zahlreiche Telefonate führen und Mails beantworten. Ach ja, das Erasmus-plus-Projekt für Inklusion muss auch noch rein passen in diesen Tag.

„Willkommen in Berlin“

Am Abend werde ich mit Sicherheit hundemüde mit ihm und dem letzten InterCity Express zurück nach Stuttgart fahren, vollkommen auf Durchmarsch geschaltet, damit ich nicht noch mehr Input bekomme. Und er? „Ich fange dann an zu schreiben. Wenn das Tagesgeschäft durch ist, dann wollen die Eindrücke, Impressionen und Ideen raus. Sie suchen sich ihren Weg über die Tasten in die Romane und Geschichten. Der Zug ist meine zweite Heimat.“ Aha, ich werde hellhörig: „Dann sind die Figuren in deinen Büchern real? Dann sind die Erlebnisse echte Geschichten aus dem Leben des realen Ichs von Paul Steinbeck?“ Doch mit seiner Antwort vertröstet er mich: „Find es selbst heraus. Manches ist Fiktion, manches ist real. Ich darf das nicht offenbaren. Das wäre nicht gut für mein berufliches Leben.“

Das ruppige Aufsetzen des Fliegers auf Berliner Boden an diesem kalten März-Morgen reißt mich aus dem Gespräch. „Willkommen in Berlin, meine Damen und Herren“, verkündet die Stimme aus den Lautsprechern. „Wir wünschen Ihnen einen schönen und erfolgreichen Tag.“

Mein Interviewpartner und ich stürzen in die Welt Berlins. Erste Station ist das Café Einstein. Hier treffen wir den Vertreter einer Bundesinstitution. Paul und der Kollege des Ministeriums begegnen sich auf einer Höhe der Unterhaltung, die mich schwindlig werden lässt. Namen berühmter Autoren, Schriftsteller und Politiker werden in schneller Folge jongliert. Dieses Namedropping soll helfen, das Gegenüber besser einschätzen zu können. Das Gespräch dreht sich um Journalismus, um Wahrhaftigkeit und den Wandel in der Gesellschaft. Das Hauptthema kommt gar nicht zu Sprache, befürchte ich schon, bis beide Gesprächspartner eloquent und wie auf Absprache kurz vor Schluss WorldSkills und die Öffentlichkeitsarbeit ansprechen. Es muss nicht mehr viel gesagt werden. Man versteht sich und will sich gegenseitig unterstützen. „Denn die Förderung der jungen Menschen und die Bildung sind ein wichtiges Thema.“ Beinahe wie Freunde verabschieden sie sich, als wir das Café verlassen.

„Wie schaffst Du das nur?“

Auf dem Weg zu einem Zentralverband, in dem ein großer Teil der deutschen Wirtschaft organisiert ist, machen wir einen schnellen Stopp im Hotel Maritim, in dem die Jahrestagung eines neuen Mitglieds der Organisation von Paul stattfindet. Mich drückt meine Blase und ich muss schnell im Gewirr der Menschen die Toilette aufsuchen. Als ich zurückkomme, steht Paul schon auf der Bühne. Strahlend und in mitreißender Erzählweise den circa 250 Zuhörern die Welt der jungen Fachkräfte und beruflichen Champions näherbringend. „Und wir bereiten uns gerade mit der deutschen Nationalmannschaft der Berufe auf die Weltmeisterschaften in Kasan vor. Mit Ihrer Hilfe werden wir Deutschland wieder gut vertreten. Dafür danken wir Ihnen auch im Namen des Vorstands.“ Mit diesen Worten überreicht er den sichtlich stolzen Vertretern des Verbands eine große Urkunde. Wo er die nur wieder her hat? Vom Büro her geschickt, vermute ich. Kaum, dass ich zu meinen Antworten finde, steht Paul bereits neben mir und bedankt sich nochmals höflich für den herzlichen Applaus, den man ihm und WorldSkills widmet. „Eine tolle Truppe, diese Menschen hier. Auf die freue ich mich.“

Wir eilen weiter, lassen die Taxis stehen und marschieren die Friedrichstraße runter. Paul bewegt sich gerne. Seine Art von Ausgleichssport, wie er sagt. Von einem Termin zum anderen marschieren, während andere Krawattenmenschen in Limousinen und Taxis vorbeifahren. „Paul, wie schaffst du das nur, so schnell von einem Thema zum anderen umzuschalten? Vor allem, dich so schnell auf neue Szenen einzustellen?“ Ich bin mir sicher, er ist im Kopf bereits beim nächsten Termin, auch wenn er gerade konzentriert auf sein Handy-Display schaut. Entschuldigend blickt er zu mir rüber: „Ich muss schnell im Büro zurückrufen. Sorry.“

„Der Himmel ist das Limit“

Während wir die Straße Unter den Linden überqueren, spricht Paul von Briefen, die raus müssen, von Jahresabschlüssen, Steuerberaterfragen und zahlreichen Mitgliederthemen. „Wir müssen im Sommer mit der Mannschaft in Berlin das zweite Vorbereitungstreffen machen. Die Ministerin möchte zu Besuch kommen“, höre ich neben dem Autolärm und dem Lachen der Touristengruppen aus aller Welt. Paul jongliert sich gekonnt durch die Gruppen hindurch, während ich immer wieder mal mit jemandem zusammenremple. Bewegen im Großstadtdschungel will gelernt sein. Ich registriere, wie Paul eine Gruppe Studenten intensiv mustert, während wir an einer Ampel auf Grün warten. Das Gespräch endet und er steckt das Telefon weg. Den Blick nicht von der Gruppe abwendend. „Eine neue Inspiration für deinen Roman?“, kommt es mir unwillkürlich über die Lippen. Erstaunt wendet er seinen Blick von der Gruppe ab, zu mir hin: „Was? Ach ja.“ Er lacht etwas peinlich berührte. „Ja, es stimmt. Die Gruppe passt gerade zu einer Szene, die ich schreibe. Interessant, wie ihre Dynamik ist. Die kleinen Interaktionen. Die Diskussionen, wo man hin geht. Die Kleidung. Super Vorlagen für mich.“

Wir biegen in eine Seitenstraße ein und stehen vor dem überdimensionalen Portal eines wuchtigen Stadthauses. „Hier ist es“, Paul spurtet hinein, während ich mit müden Füßen hinterher schlurfe. Ich habe Hunger, bin müde und will eine Pause. Essen gibt es dann auch. In der Kantine der Institution. Paul und seine Gesprächspartner stecken dabei aber schon mitten in den Fachthemen. Hier geht es ohne Umschweife zur Sache. Man kennt sich und weiß, was zu tun ist. Es geht um Zukunftskonzepte. Um die Frage, wie die Dinge weiter zu entwickeln sind.

„Niemals stillstehen“, wird Paul mir nach der Sitzung erläutern. „Der Himmel ist das Limit und bis dahin ist noch viel Raum zur Entwicklung.“ Und diese Entwicklung wollen sie alle erreichen.

„Hast Du überhaupt ein anderes Leben?“

Mich erstaunt es, wie gekonnt sie von reinen Fantasien und Ideensammlungen immer wieder den Sprung in die Realität und die nächstmöglichen Schritte zurückschaffen, um dann wieder den Gedanken freien Raum zu lassen. Paul ist im Element, steht im Besprechungsraum immer wieder auf, nimmt die Farbstifte in die Hand und malt Mindmaps, Diagramme und Strukturen auf das Flipchart. Seine Körpersprache zeigt mir, dass er vollkommen absorbiert ist von den Themen, die sie anreißen. Seine Gesprächspartner lassen sich anstecken und machen die Gedankenreise mit. Am Ende verlassen wir nach gut drei Stunden das Gebäude, versehen mit einem konkreten Arbeits- und Projektplan, der von beiden Seiten abgearbeitet werden soll. Jetzt endlich ist Paul bereit, sich mit mir in einen Starbucks zu begeben.

„Paul, hast du überhaupt ein anderes Leben? Gibt es für dich nur diesen Beruf – oder sagen wir besser – diese Leidenschaft hier und das Schreiben, wie auch die ganzen anderen Jobs? Oder hast du auch Freizeit. Was machst du denn da, wenn es mal eine gibt? Was macht deine Frau? Wie findet die das?“ Paul ist sichtlich entspannt. Genüsslich trinkt er seinen Kaffee, beobachtet die Menschen um sich herum und atmet langsam und tief. Er ist in der Erholungsphase. „Meine Frau ist selbst sehr aktiv und beruflich erfolgreich. Wir haben uns sehr gut arrangiert und das klappt hervorragend. Sie bewegt sich genau so gerne wie ich und das Segeln, Surfen, Tauchen, Radfahren, Skaten, Skifahren oder Langlaufen machen wir sehr gerne zusammen. Dann haben wir tolle gemeinsame Auszeiten. Oft treffen wir uns auch auf Geschäftsreisen. Beispielsweise hier in Berlin. Passiert immer wieder. Sind dann nette Überraschungen. Das passiert halt nun mal, wenn sich zwei Menschen sehr viel bewegen.“

Ich versuche mir, das bei mir und meinem Leben vorzustellen. Immer auf dem Koffer sitzend. Deutschland und Europa zum Dorf werden lassend. Irgendwann würde mir die Puste ausgehen. Doch Paul ist gerade aus seiner Erholungsphase erwacht und schnappt sich Laptop und Handy. Es gilt, ein paar Mails zu beantworten und zu schauen, welche Anrufe man beantworten sollte.

Ich muss mich anstrengen, nicht den Überblick zu verlieren

„Was ist unser nächster Termin?“, will ich wissen. Ein kurzer Blick auf den Kalender und schon kommt die Antwort: „Wir treffen uns noch am Hauptbahnhof mit unserem Inklusionsbeauftragten, dann dürfen wir nach Hause.“ Inklusionsbeauftragter? „Ja, wir sind auch für Menschen mit Behinderung aktiv. Aktuell bereiten wir uns auf ein Training mit acht Teilnehmern in Glasgow vor. Sie werden dort mit anderen jungen Menschen aus Europa trainieren und Mini-Wettbewerbe veranstalten. Immer wieder sehr berührend und inspirierend, dort mit dabei zu sein.“

Mein Schreibblock wird voller und voller. Ich muss mich anstrengen, nicht den Überblick zu verlieren. Das Rendezvous mit Paul Steinbeck ist ein Marathon-Lauf, bei dem ich Gefahr laufe, einen Herzinfarkt zu bekommen. Ein Bekannter, der zufällig im benachbarten Co-Working-Space arbeitet, grüßt und setzt sich zu uns. Die beiden tauschen kurz ihre Neuigkeiten in Sachen Digitalisierung und berufliche Bildung aus. Dann aber müssen wir bereits los zum Hauptbahnhof. Zu Fuß bis Bahnhof Friedrichsstraße und dann mit der S-Bahn eine Station bis zum Hauptbahnhof. „Im Foyer des Hotel Steigenberger“, verrät mir Paul und nickt in Richtung eines neuen Gebäudes neben dem Bahnhof. In der Ferne erblicke ich das Bundeskanzleramt. Mächtig und staatstragend. „Dort sind wir sehr wahrscheinlich im November mit unserer Nationalmannschaft, wenn wir aus Kasan zurück sind. Mal schauen.“

Für Paul ist das alles so selbstverständlich, so vertraut. Und ich bin sicher, wenn wir in Hamburg, Düsseldorf oder München wären, wäre es nichts anderes. Paul reist unentwegt von Termin zu Termin, von Stadt zu Stadt. Die Besprechung im Steigenberger ist knapp und sehr kompakt. Die Partner verstehen sich und man kann schnell einen Punkt nach dem anderen abhaken. Der Zug in den Süden wartet nicht und schon finden wir uns auf dem Bahnsteig wieder, auf dessen Gleise gerade der ICE einfährt. Ich packe meine in aller Eile eingekaufte Brezel und das Wasser in meinen Rucksack. Beinahe wäre mir der Geldbeutel auf das Gleis gefallen. Mir geht langsam die Power aus. Aber, ich lasse mir nichts anmerken. Hoffentlich! Die Türen des Zugs öffnen sich mit leisem Summen.

„Sind wir wirklich so machtlos, wie wir immer tun?“

„Deine Geschichten spielen vor allem im Süden. Hat das mit deiner Heimat und Herkunft zu tun?“ Ich will versuchen, die Zeit zu nutzen, bevor Paul wieder in die Tiefen seines Computers hinab steigt. Dann wirkt er so weit weg und dabei so konzentriert, dass man sich nicht traut, zu stören. „Ja, das stimmt. Oberschwaben ist meine Heimat, der ich nach wie vor sehr verbunden bin.“ „Worum geht es dir denn in deinen Geschichten? Was ist deine Botschaft?“ Wir setzen uns glücklich auf unsere reservierten Plätze, die wir gerade rechtzeitig vor anderen Fahrgästen retten konnten. Mein Begleiter grübelt ein wenig, bevor er antwortet: „Nun, es sind Geschichten, die mich beschäftigen, über die ich nachdenke und die mich bewegen. Nimm beispielsweise den Zitronenfalter, der am Ende 3 Teile haben wird. In ihm geht es um die Frage, wie wir uns in einer Welt von morgen organisieren, wenn sich viele Dinge radikal ändern. Wie mag es sein, wenn neue Gesellschaftsformen plötzlich andere Machtstrukturen nach oben spülen, die andere rigoros unterdrücken. Wie geht es mir als kleines Individuum? Kann ich noch leben und lieben wie ich will und wen ich will? Bin ich frei oder unterdrückt?“ Er stockt kurz, um das Geschehen im Waggon zu beobachten, der sich in der Station Spandau beinahe vollständig mit Gästen anfüllt: „Und immer wieder beschäftigt mich die Frage, was kann der kleine Mann, was kann die kleine Frau als Individuum bewirken? Sind wir wirklich so machtlos, wie wir immer tun? Das ist spannend zu hinterfragen.“ Er klappt nebenbei sein Laptop auf und schaltet das Gerät an. Ich habe verstanden: „Du bist es nicht gewohnt, immer jemanden neben dir zu haben, richtig?“ Er grinst. Etwas verlegen drückt er auf das Word-Logo in der unteren Statuszeile. „Ja, das stimmt. Aber ich freue mich, dich mit dabei zu haben. Lass uns doch jetzt ein wenig entspannen, ok?“ Ich nicke und verstehe unter entspannen Knopf ins Ohr, schöne Musik hören, die Landschaft an sich vorbei sausen lassen und einnicken….

Als ich wieder aufwache, ist es bereits Dunkel. Ich habe das Gefühl, Stunden geschlafen zu haben. Paul sitzt entspannt, aber konzentriert neben mir und blickt auf den Bildschirm. Eine Datei ist gerade geöffnet, die voller Korrekturfahnen und Kommentare ist. Schnell bin ich hellwach und setze mich aufrecht hin: „Dein neuer Roman?“, will ich wissen. Ich versuche, einzelne Zeilen lesen zu können. „Guten Morgen,“, neckt er mich: „Ja, er ist gerade aus dem Lektorat gekommen. Immer ein wenig schwierig für einen Autor. Davor habe ich immer ein wenig Schiss, wenn ich ehrlich bin. Man fühlt sich da sehr nackt, wenn man sieht, wie tief eine Lektorin in die Inhalte und die tieferliegenden Schichten eintaucht. Es hat ja doch immerzu auch etwas mit dir selbst zu tun.“ Ich kann das gut verstehen, werden meine Text doch auch immer wieder in der Redaktion zerlegt. „Inhaltlich geht es um ein Thema, das mir am Herzen liegt,“, fährt Paul fort: „Meinen Kommissar Plodowski lasse ich immerzu in besonderen Milieus und Konfliktbereichen ermitteln. Letztes Mal ging es ja um WorldSkills, diese besondere Welt der Berufe und Weltmeisterschaften in eben diesen Berufen. Bei diesem Buch geht es um die traurige Geschichte der Schwabengänge, die über viele Jahrhunderte jährlich Tausende von Kindern aus den Alpen in den reichen Norden, also nach Oberschwaben unternehmen mussten, um nicht zu verhungern. Dort wurden sie auf den Märkten regelrecht als Sklaven für einen quälend langen Sommer von den Bauern gekauft. Unglaublich traurige Schicksale spielten sich dort ab. Schlichtweg traumatisch für die Kinder und Jugendlichen. Erlebnisse, die sie ihr Leben lang begleiteten. Über Generationen hinweg soll sich das fortgesetzt haben. Stell dir vor, bis in die 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde das jährlich durchgeführt. Einige dieser sogenannten Schwabenkinder leben noch heute bzw. ihre direkten Nachfahren. Und um die geht es in meinem Buch.“ Ich hatte schon einmal von dieser traurigen Geschichte gelesen. Nur, wie kann man das in einen Krimi packen? Er schmunzelt ob meiner Frage: „Nun, warte ab, bis das Buch fertig ist. Aber der Titel ‚Die Rache der Schwabenkinder‘ verrät schon Einiges.“

„Für die Welt bist du ein Buch, für deinen Autor bist du die Welt“

Er klappt sein Arbeitsgerät zu, nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche und fordert mich auf: „Jetzt habe ich genug von mir erzählt. Jetzt bist du dran. Erzähl doch mal.“ Und ich erlebe eine weitere Eigenschaft dieses Menschen: Er ist neugierig auf jeden und alles. Geschichten sind seine Nahrung, das spürt man. Bis Stuttgart plaudere ich plötzlich mit ihm über mich. Ich erzähle im sehr viel von mir. Mehr, als ich eigentlich wollte. Doch er kann geschickt fragen, ist ein aufmerksamer Zuhörer und scheint zu verstehen. Der Interviewer wird zum Interviewten – und wer weiß? Vielleicht tauche ich eines Tages als Figur in einem seiner Romane auf. Ich bin schon sehr gespannt und schwöre mir, die nächsten Bücher unbedingt zu lesen. Man muss ja gewappnet sein.

„Vielen Dank, Paul. Ein toller Tag.“ Ich umarme ihn und beide gehen wir unserer Wege. Ein intensives Rendezvous mit Paul Steinbeck findet sein Ende und ich könnte noch Stunden schreiben, was wir alles erlebt haben.

Ich frage mich, sind alle Schreiberlinge mit so viel Begeisterung an ihrem Werk? „Ein Buch ist ein Kunstwerk. Ich mache dieses Kunstwerk für mich. Und wenn es der Welt gefällt – wunderbar. Aber, ich biedere mich nicht damit an. Der Verkauf ist nicht das Ziel meines Tuns.“ Ich glaube ihm das. Es ist authentisch und passt zu ihm. Die Leidenschaft ist das Schreiben für Paul Steinbeck. Lächelnd notiere ich mir am Ende des Tages auf einen kleinen Zettel, was er am Tag so nebenbei ausgesprochen hatte, als wir die Auslage einer großen Buchhandlung in der Friedrichstraße Berlins passierten: „Für die Welt bist du ein Buch, für deinen Autor bist du die Welt.“ Ich werde es mir beim Lesen des nächsten Buchs in Erinnerung rufen. (mg)

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